Ein Stoff, sie zu formen, sie alle zu bilden: Das „weiße Gold“ in unendlicher Vielseitigkeit

Bild 1: Eingang zum Porzellanikon mit der monumentalen Stele, einer Hommage an den Unternehmer Philip Rosenthal (Quelle: Fotostudio Reinhard Feldrapp, Naila, Porzellanikon)

Hartporzellan, Weichporzellan, Dentalporzellan, Knochenporzellan, Industriekeramik, Biskuitporzellan, Fayence – die Liste ließe sich leicht verlängern. Geradezu ins Unendliche gehen die Möglichkeiten der Anwendung, Gestaltung und Formung von Keramik bzw. Porzellan. Aus dem Gemisch Kaolin/Feldspat/Quarz entstehen Teller, Tassen, Suppenschüsseln, Kloschüsseln, Vasen, Figuren, Toilettenbürsten, Hüftgelenke, Zahnersatz, Zündkerzen, Bremsscheiben und, und, und. Kurz: DGas Thema „Porzellan“ ist unerschöpflich und geht weit über den sprichwörtlichen Tellerrand hinaus. Umfassend und erlebnisreich wird dies präsentiert im Porzellanikon an den Standorten Selb und dem ca. 15 km entfernten Hohenberg in Oberfranken.

Industrielles Erbe
Gelegen zwischen Fichtelgebirge und tschechischer Grenze ist Selbauf den ersten Blick einfach eine hübsche oberfränkische Kleinstadt. Auf den zweiten Blick erstaunen Sehenswürdigkeiten wie der Porzellanbrunnen in der Fußgängerzone oder das Porzellangässchen. Und spätestens beim Blick auf die Stadtsilhouette wird klar, warum das Städtchen an Bayerns „Porzellanstraße“ liegt. Fabrikschlote, Produktionshallen und ehemalige Werksanlagen erinnern an eine Zeit, in der hier eines der bedeutendsten Zentren der europäischen Porzellanindustrie entstand. Daran knüpft das Porzellanikon an, in Selb auf dem Gelände einer ehemaligen Rosenthal-Fabrik, in Hohenberg in der einstigen Direktorenvilla von C. M. Hutschenreuther eingerichtet. Zusammen bilden beide Häuser eines der größten Spezialmuseen Europas zum Thema Porzellan. Während das Haus in Hohenbergstärker die Kultur- und Designgeschichte beleuchtet, konzentriert sich der Standort Selb auf die Industrie: Produktion, Technik, Innovation, aber auch Arbeitswelt der Branche. Die eindrücklichen Dauerausstellungen werden jedes Jahr durch Sonderausstellungen ergänzt, die immer neue, oft überraschende Aspekte rund um das „weiße Gold“ ans Licht bringen. Ein Besuch, auch der wiederholte, lohnt sich einfach.

Von China nach Oberfranken
Jahrhundertelang war die Herstellung von Porzellan ein chinesisches Geheimnis, bis im frühen 18. Jh. in Meißen erstmals die Herstellung europäischen Porzellans gelang. In kurzer Zeit entwickelte sich ein neuer Industriezweig, besonders in Regionen mit geeigneten Rohstoffen und Energiequellen wurden Produktionsstätten hochgezogen. Die Porzellanhersteller zog es nach Oberfranken, das sich zu einem wichtigen Zentrum entwickelte. Einen entscheidenden Impuls setzte 1814 die Gründung der Porzellanfabrik von Hutschenreuther in Hohenberg. Im Laufe des 19. Jh. entstand in der Region ein dichtes Netzwerk aus Fabriken, Zulieferbetrieben und spezialisierten Arbeitskräften. Unternehmen wie Rosenthal machten Selb zu einem international bekannten Produktionsstandort. Und heute ist es der perfekte Ort, um in das große Universum „Porzellan“ einzutauchen.

Fabrikarchitektur als Museumsraum
In Selb ist das Museum in der erst 1969 stillgelegten Rosental-Fabrik untergebracht. Insgesamt besteht es aus sechs Häusern mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In den ursprünglichen Produktionsräumen werden industrielle Abläufe direkt am historischen Ort erlebbar. Besonders eindrücklich: die großen Rundöfen des ehemaligen Werks. Von ursprünglich zehn Anlagen sind sechs erhalten geblieben und teilweise begehbar. Man erahnt, welche Dimensionen die Porzellanproduktion in Selb einst erreichte. In den historischen Fabrikationsräumen gewinnen die Besucher durch das Ensemble der Maschinen und Live-Vorführungen, Videos und interaktiven Stationen Einblicke in 300 Jahre Produktionsgeschichte, aber auch in das Leben der Arbeiter, der Porzelliner.

Bild 2: Symbol für Hitze und schweißtreibende Arbeit: der rot beleuchtete Rundofen in der Ausstellung „Porzellinerleben“ im Porzellanikon Selb (Quelle: Andreas Gießler, Porzellanikon)

Vor allem in den Häusern 1 bis 3 steht die Porzellanherstellung im Mittelpunkt: Rohstoff, Aufbereitung der Porzellanmasse, Formen, Drehen, Brennen der Stücke, alles wird erklärt und teilweise auch vorgeführt. Stündlich ist die Funktionsweise von Dampfmaschine und Trommelmühle zu erleben (Haus 1). Waschechte Porzelliner geben Einblick in das handwerkliche Know-how der Branche und zeigen verschiedene Techniken wie Drehen oder Gießen. Vor den Augen der Besucher entstehen Teller, Becher oder Zuckerdosen (Haus 3). Weitere Bereiche zeigen die dekorativen Arbeitsschritte: Malerei, Glasur und Veredelung.

Vom Schauen zum Mitmachen: HANDS ON
Beim Zusehen bleibt es nicht in diesem Museum: In Haus 3 gibt es auch Mitmachstationen. Und natürlich können besondere Veranstaltungen besucht und gebucht werden: So bietet das Museum für Gruppen individuelle Führungen (ca. 90 Min.) mit interaktiven Programmen oder auch spezielle Kreativprogramme in der „Kreativ-Fabrik“ an: Hier kann z. B. Porzellan bemalt und modelliert werden (ca. 60 bis 90 Min.).

Bild 3: Handwerkliches Know-how: Porzellanguss (Quelle: Timo Nachbar, Porzellanikon)

Wie bedeutsam Porzellan bzw. Keramik auch jenseits von Alltagsgeschirr, Dekor und Schmuck sein kann, wird vor allem in der spannenden Ausstellung zur Technischen Keramik nicht nur dargestellt, sondern zum Abenteuer, das bin in den Weltraum führt. In der Erlebnisausstellung MISSION: KERAMIK sind auf den Spuren von High-Tech-Keramik Rätsel zu knacken. Und es gibt manch überraschende Entdeckung, wo dieses Material eingesetzt wird.

Nicht fehlen darf hier natürlich eine Ausstellung zum Porzellanhersteller Rosenthal, ein Name, der auch jenseits der Branche und bei Nichtkennern berühmt ist (Haus 6). Hier ist die Design- und Unternehmensgeschichte dokumentiert und die Entwicklung des Porzellans im 20. Jh. als internationales Designmedium nachgezeichnet. Und dazu gibt es eine große Sammlung einzigartiger Objekte vor allem des Porzellan-Künstlers Helmut Drexler, der auch legendäre Rosenthal-Kollektionen entworfen hat (Haus 5).

Sonderausstellungen 2026: Krimi, Klee und die Zukunft des Essens
Vom 21. März bis 4. Oktober erweitert eine neue Sonderausstellung das Programm: „Tatort Porzellan(ikon) – Ein Krimi in Selb“ widmet sich einer wenig bekannten Seite des weißen Goldes und präsentiert Objekte mit dunkler Vergangenheit. Ob Tatwerkzeug, Beweisstück oder Objekt der Begierde: Porzellan steht im Zentrum spektakulärer Verbrechen. Wer immer schonmal Detektiv spielen wollte, kommt hier voll auf seine Kosten: Auch hier dürfen sich die Besucher auf eine Ausstellung freuen, die Anschauen und Mitmachen verbindet. In den Themenräumen zu Diebstahl, Fälschung, Spionage, Erpressung, Vergiftung und Körperverletzung werden sie selbst zu Ermittlern, spüren Indizien auf, lösen Rätsel und am Ende auch einen (fiktiven) Fall. Dabei sind über 60 Objekte aus verschiedenen Sammlungen zu bestaunen, unter anderem aus der Polizeihistorischen Sammlung Berlin.

Bild 4: Detektivischer Spürsinn gefragt: Welche dunkle Rolle spielte diese Ragoutschüssel mit Dekor Maiglöckchen (Ph. Rosenthal & Co. AG, Selb)? Ist die (giftige) Blume ein Hinweis? Oder führt sie in die Irre? (Quelle: Ramona Scherg, Porzellanikon)

Ebenfalls im Standort Selb ist vom 9. Mai bis 15. November auch die Sonderausstellung „Fritz Klee. Ein Selber wider Willen“ zu sehen. Zum 600-jährigen Stadtjubiläum in diesem Jahr erzählt das Porzellanikon nicht nur die Lebensgeschichte des bedeutenden Gestalters und langjährigen Direktors der Fachschule für Porzellanindustrie Fritz Klee. Es erzählt auch, mit über 150 Exponaten, einen wichtigen Teil der Porzellangeschichte in Selb.

Und in Hohenberg wird nur eine Woche später, am 16. Mai, die Sonderausstellung „Die neue Dramaturgie des Essens – Gestaltung jenseits des Tellers“ eröffnet (bis 10. Januar 2027).Hier geht es um Entwicklungen der Ess- und Tischkultur in unserer Zeit, denn Essen ist nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern auch Geselligkeit, Austausch und Ereignis. Gezeigt wird u. a. das „Drumherum“, die besondere Präsentation von Speisen, ihre regelrechte Inszenierung. Schon gewusst? Farben, Dekorationen, die Art, wie der Tisch gedeckt ist, sind Faktoren, die sogar den Geschmack beeinflussen können.

Fazit
Schon die Standorte der Museen, die ehemaligen Fabrikgebäude in Selb und die Direktorenvilla mit Anbau in Hohenberg, machen den Besuch des Porzellanikons zu einem empfehlenswerten Programmpunkt. Die Dauerausstellungen und die Angebote für Gruppen bieten sowohl Porzellankennern und -liebhabern als auch Neulingen, klassischen oder spezialisierten Reisegruppen, jüngeren wie älteren Besuchern Kultur- und Regionalgeschichte mit Erlebnischarakter. Die Sonderausstellungen bringen immer neue spannende Aspekte rund ums „weiße Gold“, das in nahezu allen Bereichen unseres Lebens eine Rolle spielt. Und wer nun richtig auf den Geschmack gekommen ist und die eigene Porzellansammlung begründen oder erweitern will: In Selb und in Hohenberg laden Outlets bzw. Werksverkäufe zum Shoppen ein, bei Vorlage des Museumstickets gibt es sogar Rabatt. Gut für den Geldbeutel – und gut für die heimische Industrie.

Dorothea Kirschbaum