Wie das neue EU-Grenzregime den internationalen Busverkehr verändert

Grenzkontrolle im Hafen von Dover

Seit Oktober 2025 läuft das europäische Ein- und Ausreisesystem im Hochlauf. Ab April 2026 wird es vollständig scharf geschaltet. Für Reisebusunternehmen mit Routen nach Großbritannien oder in Nicht-Schengen-Staaten bedeutet dies längere Wartezeiten, neue Pflichten und eine gehörige Portion Ungewissheit.

Wer in diesen Wochen einen Bus voller Touristen nach Dover bringt, erlebt die Zukunft der europäischen Grenzkontrolle am eigenen Leib. Die Passagiere steigen aus. Sie reihen sich in Schlangen ein. Fingerabdrücke, Gesichtsfoto, Passnummer. Erst wenn alle durch sind, darf der Bus weiter zur Fähre. Was früher eine Formalität war, ist jetzt ein Prozess.

Das Einreise-Ausreisesystem der EU (Entry-Exit-System – EES) startete am 12. Oktober 2025. Bis zum 10. April 2026 soll es an allen Außengrenzen des Schengen-Raums vollständig hochgefahren sein. Der Stempel im Pass wird ersetzt durch eine digitale Datei. Name, Geburtsdatum, Reisepassnummer, Gesichtsbild, vier Fingerabdrücke, Datum und Ort der Einreise. Alles gespeichert. Alles abrufbar. Alles automatisch überwacht.

Betroffen sind alle, die keinen EU-Pass und keinen Pass eines Schengen-assoziierten Staates haben. Nach dem Brexit also sämtliche Briten. Dazu US-Amerikaner, Kanadier, Australier, Japaner und alle anderen visumfreien Reisenden aus Drittstaaten. Nicht betroffen sind Schweizer, Norweger, Isländer und Liechtensteiner, denn ihre Länder gehören zum Schengen-Raum. Für Busunternehmen, die regelmäßig Gruppenreisen nach London oder von dort auf den Kontinent organisieren, ändert sich der Alltag grundlegend.

Am Ärmelkanal zeigt sich das besonders deutlich. In Dover wurden eigene Abfertigungshallen für Busse eingerichtet. Dort müssen alle Passagiere aussteigen und sich registrieren lassen. Wer zum ersten Mal erfasst wird, braucht mehrere Minuten. Bei einem vollbesetzten Bus summiert sich das. Berichte aus der Praxis sprechen von 45 bis 90 Minuten Abfertigungszeit. Je nach Andrang, je nach Quote der Erstregistrierungen.

Die Hoffnung lag auf einer App. Die EU bietet „Travel to Europe“ an. Damit können Reisende vorab ihre Passdaten und ein Selfie hochladen. Das Problem: Die Fingerabdrücke müssen trotzdem vor Ort abgenommen werden. Und nicht alle Grenzübergänge sind technisch so weit, die App-Daten nahtlos zu übernehmen. In der Praxis bringt die Vorab-Registrierung weniger Zeitersparnis als erhofft.

Für die Touristik heißt das: Puffer einplanen. Wer eine Kurzreise nach London mit engem Zeitplan kalkuliert, geht ein Risiko ein. Verspätete Fähren. Verpasste Hotelbuchungen. Genervte Gäste. Die alten Fahrpläne funktionieren nicht mehr ohne Weiteres.

Für Busunternehmen, die regelmäßig über die Schengen-Außengrenzen fahren, bedeutet das auch eine Neukalkulation. Längere Standzeiten an der Grenze binden Personal und Fahrzeuge. Verpasste Fähren kosten Umbuchungsgebühren. Unzufriedene Gäste hinterlassen schlechte Bewertungen. Das alles schlägt sich im Ergebnis nieder.

Auch das Fahrpersonal ist betroffen. Wer Fahrer aus Drittstaaten beschäftigt, etwa aus der Ukraine oder vom Westbalkan, muss deren Aufenthaltszeiten im Schengen-Raum genau im Blick behalten. Das EES überwacht automatisch die 90-Tage-Regel innerhalb von 180 Tagen. Wer überzieht, wird an der Grenze abgewiesen. Für den Disponenten bedeutet es penible Buchführung. Für das Unternehmen im Ernstfall: ein Bus ohne Fahrer mitten in der Tour.

Ab April 2026 kommen weitere Pflichten hinzu. Busunternehmen werden dann als sogenannte Carrier in die Verantwortung genommen. Sie müssen prüfen, ob ihre Passagiere überhaupt noch einreisen dürfen. Hat jemand seine erlaubten Tage aufgebraucht? Das System gibt Auskunft. Aber die Verantwortung liegt beim Beförderer.

Manche Veranstalter haben ihre Produkte bereits angepasst. Sie bieten weniger Kurztrips nach London an. Setzen stattdessen auf längere Reisen, bei denen ein paar Stunden Wartezeit weniger ins Gewicht fallen. Andere informieren ihre Gäste schon bei der Buchung über die neuen Abläufe. Wer mit realistischen Erwartungen anreist, nimmt die Prozedur gelassener hin.

Die Häfen arbeiten an Verbesserungen. Dover hat die Kapazitäten aufgestockt, Calais ebenfalls. Die Technik wird besser, die Abläufe routinierter. Aber der Engpass bleibt das Personal. Die französischen Grenzbeamten, die auf britischem Boden kontrollieren, sind nicht unbegrenzt verfügbar. Jede Erstregistrierung dauert ihre Zeit.

Das EES ist kein vorübergehendes Ärgernis. Es ist ein dauerhafter Systemwechsel. Die EU will wissen, wer kommt und wer geht. Sie will unerlaubte Aufenthaltsverlängerungen erkennen und somit letztlich beenden. Sowie Sicherheitsrisiken minimieren. Ob das gelingt, wird sich zeigen.

Für die Balkan-Routen gelten ähnliche Überlegungen. Wer Reisen nach Kroatien, Montenegro oder Albanien anbietet und dabei die Schengen-Grenze überschreitet, muss mit dem EES rechnen. Auch hier werden die Kontrollen digitaler, die Abläufe aufwendiger. Die alten Zeiten, in denen der Grenzbeamte kurz in den Bus schaute und weiterwinkte, sind vorbei.

Die Branche hofft auf Besserung. Wenn erst einmal ein Großteil der Reisenden registriert ist, wird die Ersterfassung seltener. Die Abfertigung schneller. Irgendwann werden die meisten Passagiere ihre Daten im System haben. Dann geht es nur noch um Abgleich, nicht mehr um Erfassung. Bis dahin ist Geduld gefragt.

Sicher ist nur: Der Busverkehr über die Außengrenzen wird nie wieder so unkompliziert sein wie früher. Wer seine Abläufe jetzt anpasst, ist für die kommenden Jahre gerüstet. Wer abwartet, wird von der Realität eingeholt.

Roman Müller-Böhm