Halbzeitdiskussion: Das 9-Euro-Ticket im Für und Wider

Das 9-Euro-Ticket bleibt in aller Munde. Jetzt, kurz nach der Halbzeit, fassen verschiedene Institutionen ihre Erfahrungen zusammen. Die Ergebnisse fallen dabei je nach Blickwinkel ganz unterschiedlich aus.
Die Deutsche Bahn und der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) ziehen in einer gemeinsamen Umfrage eine positive Zwischenbilanz. 30 Mio. 9-Euro-Tickets seien im Juni verkauft worden und ähnlich hohe Verkaufszahlen seien für den Juli zu erwarten. 48 % aller Bürger hätten damit ein solches Ticket in der Tasche.

Daher plädiert VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff dringend für eine Vorsetzung eines bundesweit einheitlichen ÖPNV-Tickets und bezieht sich dabei auch auf eine von den staatlichen Gremien ermittelte Zwischenbilanz. „Die von Bund und Ländern beauftragte Marktforschung zum 9-Euro-Ticket, die Verkaufszahlen und weitere Erkenntnisse zeichnen ein scharfes Bild von den Möglichkeiten und Grenzen eines bundesweit gültigen ÖPNV-Klimatickets als Anschlusslösung. Diese muss bundesweit gültig sein, entlastend wirken – und darf nicht in Konkurrenz zum Ausbau des Angebots im ÖPNV stehen“.
Ihm schwebt dabei ein „ein bundesweit gültiges ÖPNV-Klimaticket für 69 Euro pro Monat als einfache Fahrtberechtigung der 2. Klasse“ vor. Mit Unterstützung der Politik sei ein derartiges Ticket in der Branche bis zum 1. Sep. realisierbar.


„In einem zweiten Schritt für den 1. Januar 2023 könnten dann z. B. sozialpolitisch wünschenswerte Varianten vorbereitet werden“, so sein Vorschlag. „Das Klimaticket für 69 Euro wird Mehraufwendungen von etwa 2 Mrd. Euro pro Jahr nach sich ziehen, die getragen werden müssen. Über das Verfahren des ÖPNV-Rettungsschirmes lässt sich dieses bis Ende des Jahres einfach umsetzen, für das neue Jahr braucht es dann eine neue Regelung.“

Der Verein mobifair, der sich den Schutz von Beschäftigten im Mobilitätssektor, der Verbraucher sowie die Förderung des Umweltschutzes auf die Fahnen geschrieben hat, steht dem 9-Euro-Ticket grundsätzlich positiv gegenüber, hat aber auch Kritikpunkte: „Bei der Diskussion um das 9-Euro-Ticket dürfen die hohen Belastungen der Branche nicht außen vor bleiben. Der ÖPNV wird attraktiver, aber es fehlt an notwendiger Infrastruktur und Fahrzeugen. Der Hauptfaktor ist aber nach wie vor der Mensch, der den Verkehr am Laufen hält. Die Kollegen, die tagtäglich die Arbeit vor Ort leisten und die Defizite kompensieren müssen. Eine Verlagerung des Verkehrs ist natürlich gut für den Klimaschutz, aber die Rahmenbedingungen müssen dabei stimmen“.
Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen (bdo) kommt dagegen nach einer aktuellen Blitzumfrage unter seinen Mitgliedern zu den Auswirkungen des 9-Euro-Tickets zu einem negativen Fazit für die deutsche Fern- und Reisebusbranche. Der bdo begrüßt zwar prinzipiell die durch den 9-Euro-Ticket-Effekt gestiegenen ÖPNV-Fahrgastzahlen, stellt aber gleichzeitig eine Veränderung des Reiseverhaltens auf Kosten der Bustouristik und des Fernbusses fest.

Demnach verzeichnen 45 % der befragten Touristik-Unternehmen rückläufige Fahrgastzahlen. Bei den Senioren, der Hauptzielgruppe der Bustouristik verzichteten sogar 67 % auf eine Nutzung des bei ihnen eigentlich beliebten Reisemittels. Gerade im ländlichen Raum, in welchem der Bus oft das einzige öffentliche Verkehrsmittel darstellt, zeichnet sich damit eine nachteilige Entwicklung ab.

Diese Verlagerung stelle die mittelständischen, durch Corona und steigende Energiekosten schon ordentlich gebeutelten Busunternehmen vor neue, große Herausforderungen, so der Verband.

Zudem schwäche der Prozess die Struktur der Mobilität in den ländlichen Räumen insgesamt. In der Folge seien dann nicht nur Senioren, sondern auch Schüler, Menschen mit Behinderung, Berufspendler ohne eigenen Pkw, Sportvereine und Klassenfahrten massiv betroffen. Und auch die im Fernverkehr tätigen Busunternehmen mussten erhebliche Fahrgastverluste hinnehmen, betont der bdo. Alle Teilnehmer der Umfrage gaben an, dass die Fahrgastzahlen durch das 9-Euro-Ticket gesunken seien. Bei über 70 % der Unternehmen lagen die Verluste sogar bei über 60 %, betont man beim bdo in Berlin.

Dazu erklärte bdo-Hauptgeschäftsführerin Christiane Leonard: „Ziel eines durch Steuermittel finanzierten ÖPNV-Billigtickets kann nicht sein, dass sich ohnehin schon umweltfreundliche Verkehrsmittel gegenseitig Fahrgäste abwerben und hierdurch Wettbewerbsverzerrungen zulasten der Reisebusbranche neu etabliert werden. Die gemeinsame politische Aufgabe muss vielmehr sein, den Individualverkehr mit Pkw zu reduzieren, um endlich die Verkehrswende und den Klimaschutz erfolgreich voranzubringen.“

Deshalb fordert der bdo von der Politik eine politische Nachjustierung und Einbeziehung der mittelständischen Reisebusbranche bei möglichen Nachfolgeregelungen des 9-Euro-Tickets. Konkret fordert der Verband Wettbewerbsverzerrungen durch die bestehenden unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze zu beheben und für Bus und Bahn gleichermaßen einen einheitlichen reduzierten Satz von 7 % anzuwenden. Zudem muss die Bundesregierung tragfähige Lösungen für die Mobilität in ländlichen Regionen vorlegen. Ohne den wirksamen Ausgleich der gestiegenen Energie- und Personalkosten wird die Verkehrswende nicht gelingen.

Bildquelle: Dirk Sanne, Grafiken: bdo

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