Interview: „Zurzeit ist Danzig die Nummer eins“

Zurzeit erlebt Polen touristisch herausfordernde Zeiten. BM-Chefredakteur Dirk Sanne sprach mit Konrad Guldon, Direktor des polnischen Fremdenverkehrsamtes, über die komplexen Aufgaben und Ziele, die vor ihm liegen.

Busmagazin: Herr Guldon, Sie traten Ihr Amt als Direktor des polnischen Fremdenverkehrsamtes in Berlin 2019 an – in einem Jahr, wo der Tourismus boomte und Polen gut 7 Mio. deutsche Gäste begrüßen konnte. Doch dann kam die Pandemie. Wie ist der Tourismus in Polen durch diese Zeit gekommen?
Konrad Guldon: Die Pandemie-Jahre waren für den Tourismussektor in Polen sehr schwierig. Zum einen haben die verschiedenen Corona-Schutzmaßnahmen den Reiseverkehr nach Polen wiederholt stark eingeschränkt. Zum anderen kam es ähnlich wie in Deutschland in unserem Land zu einem weitreichenden Lockdown, der auch den touristischen Sektor lahmlegte.
Der Staat half den vom Lockdown betroffenen Unternehmen und unterstützte sie wirtschaftlich. Trotzdem kämpft der Tourismus noch heute mit den Folgen. Personal, das zuvor z. B. in den Servicebereichen der Hotels, Restaurants usw. gearbeitet hat, ist in andere Jobs abgewandert – genauso wie in Deutschland und anderen europäischen Ländern.
Bis heute konnten wir diese gut ausgebildeten Menschen mit ihrer Fachkompetenz vielfach nicht ersetzen. Landesweit fehlen aktuell ca. 100000 Mitarbeiter im Tourismus.

BM: Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine im Februar 2022 setzt dem polnischen Tourismus erneut zu…
Guldon: Der Krieg in unserem Nachbarland Ukraine führte besonders in den Monaten März und April wieder zu einem touristischen Stillstand. Reisen aus Deutschland nach Polen wurden storniert und nicht neu nachgefragt. Das hatte vor allem emotionale Gründe. Keiner konnte absehen, was sich aus dem Krieg Russlands entwickelt. Entsprechend vorsichtig verhielten sich die potenziellen Polenreisenden.
Diesen Stillstand haben wir aber mittlerweile überwunden. Polen wird trotz der andauernden Kampfhandlungen im Osten unseres Nachbarlandes wieder touristisch spürbar mehr nachgefragt. Hält dieser Trend an, dann können wir 2022 die Lage stabilisieren und werden in Sachen Besucher das Niveau des Vorjahres erreichen. 2021 besuchten ca. 2 Mio. Touristen aus Deutschland unser Land.
Es bleibt aber weiterhin für uns Touristiker eine große Herausforderung, zu vermitteln, dass Polen sicher ist und keine begründete Kriegsgefahr besteht.

BM: Wo liegt aktuell der Fokus bei den Reisen nach Polen?
Guldon: Schwerpunkt ist immer noch der Wellness- und Ostsee-Urlaub. Aber auch Kulturreisen und der Städtetourismus liegen gut im Rennen um die Besuchergunst.

BM: Welche Städte wirken als Besuchermagnet?
Guldon: Zurzeit ist Danzig die Nummer eins. Gruppenreisen in die alte Hansestadt kommen sehr gut an und werden am wenigsten storniert. Warschau, Breslau und Krakau folgen auf dem Fuß. Auch Städte wie Posen, die traditionell eher weniger im Fokus des deutschen Interesses stehen, gewinnen an Boden.

Ostpolen ließ sich vor dem Krieg ganz ordentlich vermarkten.

Konrad Guldon

BM: Ist Ostpolen mit seinen landschaftlich durchaus reizvollen Regionen eigentlich noch Terra incognita für Deutschland?
Guldon: Ostpolen ließ sich vor dem Krieg ganz ordentlich vermarkten. Städte wie z. B. Lublin oder Zamość wurden auf einem sehr akzeptablen Niveau nachgefragt. Zurzeit sind in Deutschland diese Städte und Ostpolen insgesamt aus den eben erwähnten psychologischen Gründen kaum zu vermitteln. Hier kehren wir wohl erst nach dem Krieg wieder zur Normalität zurück.

BM: Nach dem Ende des Ostblocks bildeten die Heimatvertriebenen eine starke Gruppe unter den Polenreisenden. Gibt es diese Art des Tourismus noch?
Guldon: Dieser sogenannte Sentimentaltourismus, also Reisen nach Polen, um noch einmal die ehemalige Heimat wiederzusehen, ist zu einer Nische geworden. Die meisten der hier einst geborenen Deutschen sind bereits verstorben. Heutzutage kommen ihre Kinder und die Enkelkinder, die auf den Spuren ihrer Familiengeschichte wandeln wollen.

BM: Ignorieren wir mal für einen Moment Pandemie und Krieg – was hat Warschau in den letzten Jahren unternommen, um den Tourismus im Land zu stärken?
Guldon: Die polnische Regierung investiert seit einigen Jahren verstärkt in die Infrastruktur, was auch dem Tourismus zugutekommt. Neue Fernstraßen verbessern die Anbindung an Deutschland. So ist z. B. der beliebte Wellness- und Kurort Kolberg seit 2020/2021 über die Autobahn A11 und die Schnellstraße S6 mit Berlin verbunden. Von dort ist man nun in knapp drei statt fünf Stunden in dem Ostseebad.
Die für den Deutschlandtourismus wichtige Hafen- und Kurstadt Swinemünde bekommt wiederum nächstes Jahr einen Tunnel, der den westlichen Stadtteil auf der Insel Usedom mit dem östlichen Teil auf der Insel Wollin verbindet. Dies hilft uns ebenfalls bei der Vermarktung dieses Reiseziels an der Ostsee.
Zudem bauen Land und Woiwodschaften das Radwegenetz aus.

Der Wintertourismus in Polen ist ein sehr interessantes Thema mit Entwicklungspotenzial.

Konrad Guldon

BM: Welche Bedeutung hat das für den Tourismus?
Guldon: Im Rahmen der Infrastrukturmaßnahmen entwickelt Warschau die Radwege in Polen konsequent weiter. Dadurch gewinnt der Fahrradtourismus an Potenzial.
Die südpolnische Woiwodschaft Małopolska rund um Krakau wirbt beispielsweise mit rund 1000 km langen neuen Radwegen. Bereits fertiggestellt ist eine ca. 200 km lange, sehr reizvolle Route entlang der Flüsse Dunajec und Poprad. Urlaube auf dem Drahtesel in dieser Region lassen sich zudem wunderbar mit Kulturangeboten, wie sie Krakau bietet, verknüpfen.
Und wenn wir schon beim Sportiven sind. Polen hat nächstes Jahr zwei Highlights zu bieten, die vergleichsweise grenznah zu Deutschland stattfinden. Januar 2023 startet die Handballweltmeisterschaft in Polen und in Schweden. Das deutsche Handballteam spielt dabei in der Gruppe E in Kattowitz.
Zudem ist Polen im Juni und Juli 2023 Gastgeber der 3. European Games in Krakau. Beide Großveranstaltungen werden auch deutsche Reisegruppen nach Polen locken.

BM: Wo sehen Sie noch neues touristisches Potenzial?
Guldon: Der Wintertourismus in Polen ist ein sehr interessantes Thema mit Entwicklungspotenzial. Zwar können und wollen wir hier nicht in Konkurrenz zum alpinen Sportbetrieb in Österreich oder in der Schweiz treten. Aber in Sachen Skilanglauf können wir mit unseren Angeboten durchaus punkten.
Diese touristische Nische wollen wir z. B. in Niederschlesien weiter ausbauen. Die Pluspunkte, die wir hier sehen: Die dortigen Mittelgebirge liegen unweit der Grenze zu Deutschland, es existieren bereits attraktive Langlaufrouten und das Preis-Leistungs-Verhältnis ist vor Ort sehr attraktiv. Zudem liegen mit Hirschberg, Liegnitz, Breslau usw. Städtereiseziele in der Nähe, die auch im Winter touristisch interessant sein können.

BM: Herr Guldon, wir danken für Ihre Zeit und das Gespräch.

Bildquelle: Dirk Sanne

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