Warum der Bus ohne Zuwanderung stehenbleibt

Den Linienverkehr in deutschen Städten fahren zu großen Teilen Menschen,
die selbst oder deren Eltern zugewandert sind (Foto: Adobe Stock / Barillo Images)

Fast jeder zweite Bus- und Straßenbahnfahrer in Deutschland hat eine Einwanderungsgeschichte. Das ist der höchste Wert unter allen großen Verkehrsberufen, und er steigt weiter, weil die Verrentungswelle die Branche zwingt, im Ausland zu suchen. Mit der Ersten Verordnung zur Änderung der Berufskraftfahrer-Qualifikations-Verordnung hat der Staat der Branche sogar die Werkzeuge dafür geschärft. Und genau in diesem Moment macht die Bundesregierung die Begrenzung der Migration zum Programm. Seit dem 12. Juni gilt das verschärfte europäische Asylsystem, die Asylzahlen sind binnen eines Jahres auf die Hälfte gefallen, die Grenzkontrollen bleiben. Dieselbe Regierung, dieselbe Woche, zwei gegenläufige Signale. Für den Busunternehmer ist das keine abstrakte Debatte, sondern die Frage, ob er morgen noch Fahrer findet.

Eine Unterscheidung gehört an den Anfang, sonst landet dieser Text in der falschen Schublade. Arbeitsmigration und Asyl sind getrennte Wege. Wer als Fahrer aus Serbien über die Westbalkanregelung kommt, durchläuft kein Asylverfahren. Der Konflikt, um den es hier geht, ist deshalb politischer Natur, nicht juristischer. Das Klima, das die eine Migration begrenzen will, erschwert es, die andere zu organisieren. Und kaum eine Branche hängt so an der Arbeitsmigration wie der Bus.

Der Bus, der ohne Zuwanderung nicht fährt

Die entscheidende Zahl steht am Anfang. Nach dem Mikrozensus haben 46 % der Bus- und Straßenbahnfahrer eine Einwanderungsgeschichte, fast doppelt so viel wie in der Gesamtwirtschaft mit 26 %. Den Linienverkehr in deutschen Städten fahren zu großen Teilen Menschen, die selbst oder deren Eltern zugewandert sind. Das ist kein Zukunftsbild, sondern der Betriebsalltag von heute.

Der Bedarf wächst noch. Mit den geburtenstarken Jahrgängen verliert die Branche Jahr für Jahr Tausende Fahrer; im ÖPNV wird die Lücke bis 2030 auf 50.000 bis 60.000 Stellen geschätzt. Aus dem inländischen Nachwuchs lässt sich diese Lücke rechnerisch nicht schließen, dafür sind die jungen Jahrgänge zu klein. Im Großen gilt dasselbe: Studien beziffern allein die jährliche Nettozuwanderung, die das Arbeitskräfteangebot stabil hält, auf 288.000 bis 400.000 Menschen. Der Bus ist nur der sichtbarste Fall einer Volkswirtschaft, die ohne Zuwanderung schrumpft.

Eine Branche, die längst anwirbt

Ihre Antwort darauf hat die Busbranche bereits gegeben, und zwar im Verordnungstext. Die Erste Verordnung zur Änderung der Berufskraftfahrer-Qualifikations-Verordnung, Ende Mai 2026 beschlossen und derzeit im Bundesrat, öffnet die Prüfung der beschleunigten Grundqualifikation erstmals für acht Fremdsprachen, von Englisch über Polnisch und Rumänisch bis Türkisch und Ukrainisch. Die Begründung benennt den Zweck offen: die Dringlichkeit der Behebung des Fahrermangels. Führerscheine aus der Ukraine und Montenegro werden künftig ohne erneute Prüfung anerkannt. Und die Westbalkanregelung, über die Serben, Bosnier oder Kosovaren einen Arbeitsplatz in Deutschland antreten, ist entfristet und auf 50.000 Zustimmungen im Jahr verdoppelt. Das ist gezielte Anwerbung über das Fachrecht. Die Branche wirbt, und der Staat hat ihr die Werkzeuge dafür geschärft.

Und die große Strömung zieht andersherum

Im selben Zeitraum hat die Migrationspolitik die Richtung gewechselt. Seit dem 12. Juni 2026 gilt das reformierte europäische Asylsystem, mit beschleunigten Verfahren und einer Liste sicherer Herkunftsstaaten, auf der auch die Westbalkanländer stehen. Die Asylerstanträge sind 2025 um gut die Hälfte gefallen, die Binnengrenzkontrollen mehrfach verlängert, und der Koalitionsvertrag hat das Wort Begrenzung ausdrücklich ins Aufenthaltsgesetz zurückgeschrieben. In diesem Klima sucht die Branche ihre Fahrer.

Rechtlich bleibt die Arbeitsmigration davon unberührt. Praktisch ist Migration aber mehr als Recht. Sie ist auch Verwaltung, Stimmung und Verfügbarkeit, und auf allen drei Ebenen schlägt das Begrenzungsklima durch. Es bindet Personal in denselben Behörden, die Arbeitsvisa erteilen sollen. Es verschiebt die öffentliche Debatte, sodass die Anwerbung politisch teurer wird, obwohl sie ökonomisch unstrittig ist. Und es trifft auf eine Grenzinfrastruktur, die ihre eigenen Hürden aufbaut.

Wo der Konflikt konkret wird

Drei Befunde führen das vor Augen. Der erste ist die Abhängigkeit von wenigen Herkunftsländern. Der Westbalkan schrumpft demografisch selbst und gibt seine Fahrer an die ganze Union ab; das Kontingent von 50.000 trifft auf ein sinkendes Angebot, die Botschaftstermine werden teils verlost. Wer seinen Bedarf auf eine Handvoll kleiner Staaten stützt, macht sich von deren Arbeitsmarkt abhängig. Der zweite ist das Grenzregime. Mit dem Anlauf des Entry-Exit-Systems droht aktuell ein Erfassungsstau, der gerade Fahrer aus Drittstaaten an der Einreise hindern kann, also dieselben Fahrer, die man gewinnen will. Wo die Politik die Zuwanderung erleichtert, kann das Grenzsystem sie operativ ausbremsen. Der dritte ist die Sprache. Die mehrsprachige Prüfung senkt die Hürde zum Beruf, doch im Fahrdienst bleibt Deutsch verlangt, für Fahrgastkommunikation und Notfall. Wer die Fachprüfung auf Rumänisch besteht, beherrscht damit noch nicht den Linienalltag. Das spricht nicht gegen die Anwerbung, aber für die Integration, die ihr folgen muss.

Was bleibt

Die Busbranche belegt für sich einen Satz, den die Politik ungern so deutlich ausspricht: Dieses Land braucht Zuwanderung, um seine Grundversorgung am Laufen zu halten, und es braucht sie ausgerechnet dort, wo es am wenigsten darüber spricht, im Fahrerhaus des Linienbusses. Die Trennung von Arbeits- und Asylmigration ist juristisch sauber und sollte es bleiben. Politisch aber verschwimmt sie, und die Branche zahlt für eine Debatte, die sie gar nicht meint. Wer Fahrer aus dem Ausland gewinnen will, sollte die Werkzeuge des Fachrechts jetzt nutzen und sich zugleich darauf einstellen, dass die große Strömung in die Gegenrichtung zieht. 46 % sind keine Randnotiz. Sie sind die Bedingung dafür, dass der Bus überhaupt fährt.

Roman Müller-Böhm