Bild 1: Vollendet 1830 ist die monumentale, dabei filigrane historische Gießhalle der Sayner Hütte ein Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland (Quelle: Stiftung Sayner Hütte / Guenther Bayerl)
Kritische Stimmen dieser Tage mahnen, Deutschland sei auf dem Weg in die Deindustrialisierung. Das ist sicherlich überzogen, wenngleich die Industrie, wie die ganze Wirtschaft, aktuell zu kämpfen hat. Soll etwas vorangehen, braucht es angemessene Rahmenbedingungen, aber auch Unternehmertum, Innovation und Mut zur Investition. Angesichts globaler Krisen ist das nicht immer ganz leicht. Immerhin gibt es Lichtblicke, hat sich doch das Ifo-Geschäftsklima laut Ifo-Institut München im August deutlich gebessert und auch die Wirtschaft wächst nun schon drei Quartale hintereinander vorsichtig robust. Das lässt hoffen.
Der Besuch eines der ältesten deutschen Standorte der Eisenverarbeitung, der Sayner Hütte bei Koblenz, ist nicht nur ein spannender Ausflug in die Anfänge der Industrialisierung. Der Blick in die Vergangenheit mit ihren Erfolgen wie ihren ganz eigenen Problemen mag vielleicht sogar dazu beitragen, mit etwas Distanz auf unser Heute zu blicken. Schwierigkeiten gab es immer, wie sehen mögliche Lösungen aus? Rund 150 Jahre gelang es dem zunächst staatlichen, dann privaten Industriestandort, erfolgreich zu sein. Ein Grund war sicherlich die stetige Weiterentwicklung und Anpassung an Erfordernisse, Entwicklungen und Bedürfnisse der Zeit.
Vision aus Eisen und Glas: Die Sayner Gießhalle
Eine Reise wert ist die Sayner Hütte allemal. Geprägt wird das Gelände von der monumentalen, gleichzeitig eleganten und feingliedrigen historischen Gießhalle, einem „Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“. 1830 vollendet, errichtet aus Gusseisen und Glas, ist sie beeindruckendes Zeugnis damaliger Ingenieurskunst und stolzes, zugleich höchst elegantes Symbol einer Industrie, die sich im Aufschwung befand. Die Halle gilt als Prototyp des modernen Industriebaus, ihr Tragwerk ist nicht nur Hülle, sondern Teil der Maschine. Mit dem angeschlossenen Hochofengebäude war sie das Herzstück der Eisengussproduktion. Heute lässt eine Inszenierung aus Licht, Klang und Projektionen am alten Hochofen erahnen, wie die Arbeitssituation einst war: laut, heiß und gefährlich. Augmented-Reality-Stationen machen zudem die verschwundene Maschinentechnik sichtbar.

Bild 2: Der Hochofen in der Gießhalle ist das Zentrum der Inszenierung aus Licht, Klang und Projektionen, die das Hüttengeschehen lebendig werden lässt (Quelle: Stiftung Sayner Hütte / Stadtverwaltung Bendorf)
Entwicklung, Innovation und Neuanfang
Gegründet wurde die Hütte bereits 1769 vom Trierer Erzbischof. Zunächst verkaufte man Roheisen, auch einfachere Objekte wie Wasserrohre oder Fassreifen wurden gefertigt. Nach der Übernahme durch den preußischen Staat 1815 wurde der Standort zu einem bedeutenden Zentrum der Eisengussproduktion ausgebaut. Es wurden Geschütze und Gebrauchseisen angefertigt, aber auch allerfeinster Eisenkunstguss, Schmuck, Teller, Leuchter etc., möglich durch neue Produktionsverfahren. Vor allem: hier gelang der Übergang zur industriellen Fabrikation.
Als 1865 Alfred Krupp das Werk kaufte, wurde die Produktion erneut angepasst und stärker auf industrielle Anforderungen ausgerichtet, die maschinelle Bearbeitung ausgeweitet. Das letzte große Gebäude, das auf dem Areal errichtet wurde, ist die „Krupp’sche Halle“, eine moderne Maschinenhalle aus Backstein für die maschinelle Nachbearbeitung von Eisenguss-Stücken. Bis zur Stilllegung 1926 blieb die Anlage Teil des Krupp-Konzerns.
Die Sayner Hütte heute: lebendiges Industriedenkmal
Dass die historischen Gebäude heute noch stehen, ist keineswegs selbstverständlich: Nach langem Verfall wurden sie gesichert und aufwendig restauriert. Und so geht die Geschichte der Sayner Hütte unter neuen Vorzeichen weiter: als lebendiges Industriedenkmal und Veranstaltungsort.
Der barrierefreie Rundgang beginnt in der Krupp’schen Halle, einer 1908/09 errichteten ehemaligen Maschinenhalle aus Backstein. Heute befinden sich hier Besucherzentrum, Museumsshop und der erste Teil der Dauerausstellung. Ein Modell gibt Orientierung, bevor es hinaus auf das eigentliche Hüttengelände geht. Neben der grandiosen Gießhalle fällt das gelbe Comptoir ins Auge – das Verwaltungsgebäude ist der einzige erhaltene Bau aus der Gründungszeit. Im benachbarten Arkadengebäude, dem früheren Produktmagazin, zeigt die Kunstgussgalerie robuste Gebrauchsgegenstände, Büsten und Skulpturen, aber auch erstaunlich filigranen Eisenschmuck: Einzigartig ist die „Sääner Meck“ (Sayner Mücke), bestehend aus einem einzigen Tropfen Eisen, ca. 1 gr. schwer, ein filigranes Kunststück.

Bild 3: Die Sayner Mücke, ein Eisenguss-Kunststück, ca. 1 g schwer, gegossen aus einem Tropfen Eisen. Frei nach dem Motto: „Groß kann ja jeder. Klein nur die Sayner Hütte“ (Quelle: Stiftung Sayner Hütte / B. Rothkegel)
Von der „Sääner Meck“ zum „Blauen Morpheus“
Fliegen kann die kleine Mücke dann aber doch nicht – das übernehmen andere Flattertiere für sie. Nach dem Ausflug in die Industriegeschichte wartet ein Kontrastprogramm in Schloss Sayn: Im Garten der Schmetterlinge flattern Hunderte lebende exotische Falter durch eine tropische Pflanzenwelt.

Bild 3: Blauer Morpheus im Garten der Schmetterlinge (Quelle: Schloss Sayn)
Im Oktober besonders faszinierend ist der „Blaue Morpheus“ – der gleichzeitig langsam das Saisonende einläutet: Geöffnet sind Garten und Schloss mit Neuem Museum noch bis zum 1. November, dann geht es in die Winterpause.

Bild 4: Schloss Sayn beherbergt u. a. das Rheinische Eisenkunstmuseum. Im Schlosspark befindet sich auch der Garten der Schmetterlinge (Quelle: Dominik Ketz/Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH)
Für Gruppen gibt es das Programm „Dreifach Sayn“ mit Sayner Hütte, Garten der Schmetterlinge und Neuem Museum in Schloss Sayn. Individuelle Hüttenführungen sind für bis zu 40 Personen buchbar.
Kulturpark Sayn
Zum Kulturpark Sayn rund um Hütte und Schloss gehören noch Burg Sayn, der Römerturm am UNESCO-Welterbe Limes und der Kletterwald Sayn. Es lassen sich also Tagesausflüge gestalten, die eine ausgewogene Mischung aus Industriekultur, sportlicher Aktivität in verschiedener Intensität, exotischer und heimischer Natur und Rheinromantik bieten.
Dorothea Kirschbaum
