Bild 1: Der Stiftsberg über den Dächern der Altstadt mit den prägnanten Türmen von St. Servatii (Copyright Elmer Egner M. A.)
Brandschutz, Denkmalschutz, unerwartete Funde, Baustopps – doch am Ende wird alles gut: Seit dem 28. März 2026 steht die Stiftskirche St. Servatii mit Krypta, Domschatz und neuer Ausstellung den Besuchern wieder offen. Damit ist das erste Kapitel der umfassenden Sanierung und musealen Neugestaltung des Stiftsbergs abgeschlossen – und eines der wichtigsten touristischen Ziele der Region wieder erlebbar.
Schon 2018, noch bei laufendem Museumsbetrieb, fiel nach intensiver Vorplanung der Startschuss für den ersten Bauabschnitt zur Sanierung und Neugestaltung des Stiftsbergs. Ein ehrgeiziges und anspruchsvolles Projekt für die Kooperationspartner Welterbestadt und Ev. Kirchengemeinde Quedlinburg mit ihren vielen Förderern und Unterstützern, in das über 30 Mio. € geflossen sind. Mehr als 200 Baubeteiligte haben dazu beigetragen, das einzigartige Welterbe-Ensemble, dessen bauliche Struktur und Substanz stark geschädigt waren, zu sanieren. Und mehr als das: Der gesamte Gebäudekomplex, bestehend aus der Stiftskirche und dem Stiftsschloss des Damenstifts, wurde museal neu gestaltet und ist ab diesem Jahr erstmals in einem geschlossenen Rundgang zu entdecken. Damit wird der Stiftsberg wieder als das zusammenhängende Ensemble erfahrbar, das er einst war – übrigens, ein wichtiger Punkt auch für die Planer, so barrierefrei wie möglich.
Aktuell kann nun zunächst die romanische Stiftskirche mit der Grablege Heinrichs I. und dem Domschatz wieder besucht werden (Öffnungszeiten: täglich außer montags von 10–16 Uhr) – das Schlossmuseum wird derzeit noch eingerichtet. „Die Kollegen von der Stiftskirche waren schneller!“, lacht Uta Siebrecht, Leiterin der Städtischen Museen und Archive Quedlinburg, in einem Interview zur feierlichen Eröffnung.

Bild 2: St. Servatii, Blick nach Osten auf Teile des Domschatzes (Copyright Elmer Egner M. A.)
Klar: Bei solchen Großprojekten sind Zeitschienen nicht immer genau einzuhalten, zu viele Faktoren, unvorhergesehene Ereignisse (Stichwort Corona-Lockdown oder Brand von Notre Dame, der zu neuen Brandschutzauflagen führte), überraschende Funde (romanische Grundmauern, Flaschenpost im Fundament, eingemauerte Strohpuppe in Zimmermannstracht…) und Befunde während der Bauphase spielen mit. Hier zumal, wo es galt, die authentische, denkmalgeschützte Bausubstanz zu schützen und behutsam zu sanieren, gleichzeitig aktuelle Auflagen und Anforderungen an moderne Museumsanlagen zu erfüllen. Verzögerungen, Preissteigerungen, Mehrkosten, Fachkräftemangel machten den engagierten Restauratoren und Neugestaltern das Leben schwer – und Besucher mussten jahrelang auf die vollständige Besichtigung dieser einzigartigen historisch-kulturellen Stätte verzichten. Aber am 3. Oktober soll auch das Schlossmuseum eröffnet und das Großprojekt damit abgeschlossen werden.
Die bereits jetzt wieder zugängliche Stiftskirche aus dem 12. Jh. war und ist bis heute das liturgische Zentrum des Stiftsbergs. Die Wurzeln reichen weit zurück in die Zeit ottonischer Baukunst im 10. Jh., als hier auch Heinrich I. und später seine Witwe, Königin Mathilde, bestattet wurden. Sind die Gebeine des berühmten Kaisers auch verschollen: Die Grablege in der Krypta ist die Keimzelle des historisch wie kulturgeschichtlich bedeutenden Stiftsbergs und einer Erinnerungskultur, die deutlich macht, wie eng Gedenken, Herrschaft und Religion über Jahrhunderte verwoben waren.

Bild 3: Jetzt wieder zu sehen: Die Krypta mit der Grablege Heinrichs I. (Copyright Elmer Egner M. A.)
In der neuen Ausstellung „Memoria – Erinnerung und Macht“ (im Westwerk, im hohen Chor, im Vorraum der Schatzkammer sowie der Krypta) werden diese Zusammenhänge anschaulich und modern präsentiert. Dazu gehört auch die neue multimediale Ausstattung, die in der Verbindung mit dem realen, historischen Ort nachhaltige Wirkung entfaltet. Ebenfalls wieder zu sehen ist der Domschatz mit seinen Kostbarkeiten, die über 1.000 Jahre geistliche, künstlerische und politische Geschichte erzählen.

Bild 4: Aus dem Domschatz: Deckel des prachtvollen Wiperti Evangelistars von 1513 (Copyright Elmer Egner M. A.)

Bild 5: Ebenso kostbar wie praktisch und historisch aufgeladen ist der Kamm Heinrichs I. aus dem 9. Jh. (Copyright Elmer Egner M. A.)
Und was gibt es sonst noch Neues?
Besucher können den Stiftsberg wieder über die Auffahrt erreichen und bekommen so direkt einen Eindruck vom Gesamtensemble. Neben Stiftskirche und Domschatz sind jetzt schon die aufwendig restaurierte Architektur des Ensembles, die Innenhöfe mit den neu gestalteten Fassaden der Stiftsgebäude und der Barockgarten (schon jetzt ist seine Schönheit zu ahnen, geradezu zauberhaft wird es, wenn alles blüht!) mit dem rekonstruierten Gartenhaus zu sehen. Und die historische „schwarze Küche“ wurde rekonstruiert: Hier kann sogar auf offenem Feuer gekocht werden, wie zu Zeiten des Damenstifts. Ein Programmpunkt (nach Voranmeldung), der zum neuen Programm für Bildung und Vermittlung gehört.

Bild 6: Der barocke Stiftsgarten mit restauriertem Gartenhaus – ein Muss zur Blütezeit (Copyright Welterbestadt Quedlinburg, J. Meusel)
Überhaupt, die Vermittlungsformate: Auch da hat sich einiges getan, vor allem sind die Ausstellungen multimedialer geworden. Um das vollumfänglich zu erleben, brauchen wir aber alle noch ein bisschen Geduld. Mit Eröffnung des Schlossmuseums im Oktober wird dann in den ehemaligen Wohn- und Repräsentationsräumen der Quedlinburger Äbtissinnen ein erlebnisreicher und thematisch übergreifender Rundgang durch die bedeutende Geschichte von Stift und Stadt Quedlinburg führen. Dazu gehören auch bisher unerzählte Geschichten über das Leben im Stift, das Amt der (mächtigen) Äbtissinnen, ihr Umgang mit den Herausforderungen weltlicher und geistlicher Macht und ihre große Aufgabe, die Memoria. Auch die Reformation in Quedlinburg und vieles mehr wird multimedial lebendig. Das klingt nach moderner Ausstattung, und das ist es auch, ebenso wie das museale Design, das sich dennoch gut in die historische und wertvolle Bausubstanz einfügt.
Also: Der Stiftsberg in Quedlinburg kann wieder in die Reiseplanung aufgenommen werden, und das sogar schon jetzt – in Verbindung mit Besichtigung der berühmten, ebenfalls zum Welterbe zählenden Altstadt ohnehin. Vom 22.–24. Mai feiert Quedlinburg übrigens die „Königstage“: Das Stadtfest zu Ehren Heinrichs I. lockt mit einem vielfältigen Programm in die Innenstadt.
Dorothea Kirschbaum
