Bild 1: Zurück in die vergangene Zukunft: Das berühmte Bauhausgebäude von Walter Gropius,
1927 kurz nach der Eröffnung. Glas, Beton, Metall. Funktional und schnörkellos. Bauhaus eben
(Quelle: Stiftung Bauhaus Dessau; Fotograf unbekannt)
Nicht alles, was gerade „in“ ist, ist modern. Nicht alles, was alt ist, ist unmodern. Und „die Moderne“ darf auch 100 Jahre alt werden und gehört immer noch nicht zum alten Eisen. Oder Beton. Oder Glas. Das zeigen die Ausstellungen der Stiftung Bauhaus Dessau anlässlich des großen Bauhausjubiläums, das im September 2025 eröffnet wurde und bis Ende 2026 (viele Ausstellungen laufen länger) begangen wird. Damit schlägt das Jubiläum den zeitlichen Bogen von der Ankunft des Bauhauses in Dessau bis zur Eröffnung des Bauhausgebäudes von Walter Gropius am 4. Dezember 1926.
Dessau legt nach
Falls sich jetzt jemand fragt: „Gab es da nicht gerade schon einen 100. Geburtstag?“ Stimmt. 2019, denn gegründet wurde die berühmte Schule für Architektur und Design 1919 in Weimar. Auch zu dem Anlass gab es viele Ausstellungen, Veranstaltungen und Feierlichkeiten, verteilt über zahlreiche Stätten und Städte, wo das Bauhaus tätig war. In Dessau wurde u. a. das neue Bauhaus Museum eröffnet. Mit seiner gläsernen Hülle ein beeindruckender Bau, die perfekte Form für die dort gezeigte Sammlung.
Nun legt Dessau also nach – und ja: Es gibt immer wieder und immer noch neue Aspekte, Denkanstöße, Entdeckungen, die einem vor Augen führen, wie innovativ, zukunftsweisend und auch mutig die Ideen des Bauhauses waren.
Zwischen Begeisterung und Ablehnung
Die Reduktion auf das Wesentliche ohne ornamentalen Schnickschnack, das Sichtbarmachen der Funktionalität, die Arbeit mit neuen Materialien prägte einen neuen Stil. Das Neue wurde von vielen gefeiert – doch auch massiv abgelehnt. Offen von den Nationalsozialisten im damaligen Weimar angefeindet, zog das Bauhaus nach Dessau um. Bis 1932 der Druck auch in Dessau zu groß wurde – manch einem galten Ideen und Design als „entartet“. Die NSDAP machte sogar Wahlkampf mit dem „Versprechen“, das „hässliche“ Bauhausgebäude nach einem Wahlsieg abzureißen. Dazu kam es nicht, die Partei nutzte dann das Gebäude selbst. Doch das Bauhaus zog wieder weiter, diesmal nach Berlin, wo es 1933 jedoch endgültig aufgelöst wurde.
Einige Mitglieder verließen Deutschland, ihre Ideen nahmen sie mit. Das Bauhaus wurde gewissermaßen zum deutschen Exportschlager. Andere blieben und gingen in die innere Emigration; wieder andere versuchten, sich mit dem neuen Regime zu arrangieren.
Ein Bauhaus – ein Stil?
So verschieden wie diese Lebenswege, so heterogen waren insgesamt auch die künstlerischen Ansätze und damit auch die Objekte und Bauten. Eigentlich existiert „das Bauhaus“ als stilistisch geschlossene Einheit nicht, eher waren es bestimmte Ideen und Gestaltungsprinzipien, die bis in die Gegenwart ungeheuren Einfluss auf Design und Architektur ausüben. Und dennoch hat man beim Namen „Bauhaus“ sofort Bilder im Kopf. Die stammen vor allem aus der mittleren Phase des am Ende nur 14-jährigen Bestehens, eben der Zeit in Dessau. Hier, in einer aufstrebenden Industriestadt, geprägt von Innovation und unternehmerischem Pioniergeist, erlebte das Bauhaus seine erfolgreichste und produktivste Zeit.

(Quelle: Stiftung Bauhaus Dessau / Thomas Meyer / OSTKREUZ)
Produktgestaltung für die moderne Lebenswelt
Beton, Glas und Metall als Material, klare geometrische Formen, in denen sich die Funktionalität von Objekten und Gebäuden abbildet, vielleicht eher kühl als kuschelig, so sollte das moderne Leben aussehen. Dabei aber komfortabel: Immerhin wurden Küchen, Badezimmer und Toiletten auch in Wohneinheiten für die eher einkommensschwachen Schichten geplant, das war damals durchaus nicht selbstverständlich. Ansätze aus den 1920er-Jahren, adäquate Antworten für den Massenwohnungsbau zu finden, die wir auch heute noch suchen.
Eröffnungsreigen am 28. März 2026
Das alles ist Grund und vor allem Stoff genug für das Jubiläumsprogramm „An die Substanz. 100 Jahre Bauhaus in Dessau“, dessen Hauptausstellungen am 28. März eröffnet wurden. Der Name ist Programm: Nicht nur, dass die materiellen, technischen und wirtschaftlichen Grundlagen der Gestaltung am Bauhaus präsentiert werden, sie werden weitergedacht, auf unsere Zeit bezogen, auch kritisch hinterfragt. Die Bedeutung des Bauhauses bleibt ungeschmälert – aber seine Geschichte wird verbunden mit aktuellen Fragen zu Ressourcen, Wiederverwertung, Stoffkreisläufen und ökologischem Wandel. Insgesamt 5 Ausstellungsorte mit eigenen Themenschwerpunkten und Präsentationen gehören zum Programm, verteilt sind sie über die ganze Stadt.
1 Bauhausgebäude, Werkstattflügel
Glas, Metall, Beton: Das ist der Stoff, aus dem nicht nur die Träume der Bauhausgründer waren, sondern auch das Bauhausgebäude in Dessau. Die rund 1.000 Gäste, die damals bei der Eröffnung dabei waren, wussten nicht recht, was sie mit dem gläsern strahlenden Kubus anfangen sollten. Angesichts der neuen Formen und der Materialien gab es neben Begeisterung auch viel Skepsis. Genau da – und am Ursprungsort, dem Werkstattflügel – setzt die Ausstellung Glas | Beton | Metall an, wobei die Besucher bei der feierlichen Eröffnung diesmal durchaus nicht skeptisch wirkten. Im guten Sinne kritisch vielleicht, denn was zu sehen ist, ist durchaus auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bauhaus bzw. dem modernen Bauen an sich – im besten Sinne.

(Quelle: Stiftung Bauhaus Dessau / Thomas Meyer / OSTKREUZ)
Historische Fotografien, Werkzeuge, Dokumente und Gerätschaften erlauben Einblick in bisher wenig beachtete Aspekte der Bauhaus-Geschichte. Die glatte, saubere Oberfläche von Stahlrohren und Glasfassaden war das eine – doch wie stand es mit den Herstellungsprozessen, Produktionsorten, Arbeitsbedingungen und der Rohstoffgewinnung?
Fragen nach Handelswegen, Ressourcenströmen und Wirtschaftsbeziehungen werden genauso beleuchtet wie die Besonderheiten, Vor- und Nachteile der damals so neuartigen und begeisternden Materialien. Die dreiteilige Ausstellung thematisiert die Möglichkeiten von Glas, Metall und Beton, die Innovation, aber auch die Irritationen – und schlägt damit schwerelos die Brücke zur Gegenwart.
2 Ehemaliges Kaufhaus Zeeck, Innenstadt
Vom Bauhausgebäude geht es in die Innenstadt, genauer ins ehemalige Kaufhaus Zeeck, dem zweiten Ausstellungsort. 1908 erbaut, seitdem umgebaut, restauriert, umgenutzt, ist es der perfekte Ort, um zu zeigen, wie mit historischer Bausubstanz umgegangen werden kann: nämlich durchaus sensibel und ressourcenschonend. Und wenn eben doch neue Ressourcen gebraucht werden: Warum nicht mal etwas aus Alge oder Pilz? Im Zentrum der Ausstellung Algen | Schutt | CO₂ stehen alternative Materialien, und ja, darunter auch Algen und Myzelien.

Das Ganze hat den Charme einer (Schau-)Baustelle, und das ist Prinzip. Bausubstanz ist freigelegt, Materialproben sind aufgebaut, Werkstätten laden die Besucher ein, aktiv Hand anzulegen. Ein bisschen leuchtet hier die Hoffnung auf, dass es doch mal zu einem Innovationsschub im Bauen kommen könnte. Ressourcenschonend, kostenbegrenzend, umweltbewusst, trotzdem wohnlich. Gebraucht würde es.
3 Junkers-Lamellenhalle, Leopoldhafen
Die beiden Hauptausstellungen werden ergänzt durch drei Außenpräsentationen: Lamellen | Pfette | Knoten in der Junkers-Lamellenhalle zeigt weniger Bauhaus als Baukastensystem und ist das Beispiel einer innovativen Baulösung, die in die ganze Welt exportiert wurde. Das Dach der Halle besteht aus einem modularen Baukastensystem. Vorteil: Vorfertigung, Transportierbarkeit, schnelle Montage, robustes Material. So richtig klappte es nicht an allen Zielorten, manches Mal verschätzten sich die Ingenieure bezüglich der lokalen Verhältnisse. Der abenteuerliche Transport von Bauteilen und Materialien per Schiff, Eisenbahn, Wagen und Lastentier ins anatolische Hochland, der hier nacherzählt wird, macht das deutlich. Insgesamt aber setzte sich das System durch. Also: beindruckende Ingenieursgeschichte an beeindruckendem Ort.
4 Stahlhaus, Siedlung Dessau-Törten
Weiter geht es zu Blech | Membran | Bullauge, der Präsentation am Stahlhausin der Siedlung Dessau-Törten. Hier geht es ganz um Metall, das in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg als Werkstoff der Zukunft angesehen wurde. Das Stahlhaus ist ein Experimentalbau, vorwiegend aus Blech, mit spannenden Raumlösungen – und mangelnder Dämmung und Rostschutz. Diese Art des Bauens also war eher ein Fehlschlag, aber zur Innovation gehört auch das Experiment, gehört auch der Mut, Fehler zu machen. Jetzt steht das Stahlhaus saniert da, im Ursprungszustand. Wüsste man es nicht besser, man würde glatt einziehen.

5 Historisches Arbeitsamt, Innenstadt
Schließlich die letzte Station Ziegel | Shed | Strom:Die Präsentation amhistorischen Arbeitsamt (erbaut 1928–1929) stellt mit Experimenten und Performances den Werkstoff Backstein in den Mittelpunkt. Das gelbe Ziegelsteingebäude ist ein erstaunliches Beispiel für Funktionalität und modernste (Behörden-)Ausstattung. Das Raumangebot war flexibel gestaltet, um auf Schwankungen im Arbeitsmarkt zu reagieren. Im Entwurf des Büros von Walter Gropius waren elektrische Leuchtzeichen und telegrafische Vernetzung vorgesehen. Zukunftsweisend.
Fazit: Bauhaus, die unendliche Geschichte – sie geht weiter, das Bauen geht weiter, fußend auf Ideen, Gestaltungsprinzipien, Experimenten mit neuen Materialien, die im Bauhaus entwickelt wurden. Der Blick zurück zeigt Stärken und Schwächen, aus denen man heute noch lernen kann. Das lohnt sich. Und es lohnt sich auch, genügend Zeit für einen Besuch in Dessau einzuplanen, denn neben diesen Jubiläumsausstellungen lockt natürlich immer auch das eigentliche Bauhaus Museum.
Die verschiedenen Standorte machen die Bauhaus-Tour gleichzeitig zum Stadtrundgang – oder zur Rundfahrt, je nach Wanderlust der Reisenden. Natürlich gibt es besondere Gruppenführungen. Dabei wird für Online-Buchungsanfragen ein Vorlauf von rund acht Wochen empfohlen.
Die Ausstellungen und Präsentationen im Überblick
Glas | Beton | Metall
28.3.2026 – 10.1.2027
Bauhausgebäude
Gropiusallee 38, Dessau
Algen | Schutt | CO2
28.3. – 27.9.2026
Ehemaliges Kaufhaus Zeeck
Kavalierstraße 72, Dessau
Lamellen | Pfette | Knoten
Außenraumpräsentation
28.3.2026 – 28.2.2027
Junkers-Lamellenhalle
Bootshaus der Junkers Paddelgemeinschaft Dessau
Leopoldshafen 4, Dessau
Blech | Membran | Bullauge
Außenraumpräsentation
28.3.2026 – 28.2.2027
Stahlhaus in der Siedlung Dessau-Törten
Südstraße 5, Dessau
Ziegel | Shed | Strom
Außenraumpräsentation
28.3. – 27.9.2026
Historisches Arbeitsamt
August-Bebel-Platz 16, Dessau
Weiterer Kontakt
Stiftung Bauhaus Dessau
Gropiusallee 38
D-06846 Dessau
service@bauhaus-dessau.de
Dorothea Kirschbaum
