Bild 1: Auf nach England – auf ins Europäische Jahr der Normannen.
Die Normandie und ihre Partner feiern 2027 Wilhelm den Eroberer. Die Reiterstatue, die ihn als
dynamischen Feldherrn zeigt, steht in seinem Geburtsort Falaise (Foto: Marie-Anaïs Thierry)
Zwei Stunden nördlich von Paris, in der Region Hauts-de-France, liegt die Somme-Mündung, tief in der Bucht das Städtchen Saint-Valery-sur-Somme. Ein kleiner Yachthafen, verwinkelte Gassen in der mittelalterlichen Altstadt, jeden Sonntag ein großer Markt auf den Quais und ein grandioser Panoramablick auf die Bucht machen den Charme des beschaulichen Städtchens aus. Der perfekte Ausgangspunkt für Ausflüge zu Fuß, mit Boot und Kanu in die Bucht – und ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wurde.
1066: Als aus Wilhelm, Herzog der Normandie, Wilhelm der Eroberer wurde
Von hier aus startete vor fast 1.000 Jahren Wilhelm der Eroberer, Guillaume le Conquerant, seinen Eroberungszug nach England. Sehen kann man die englische Küste von der Somme-Bucht aus nicht, rund 110 km Luftlinie liegen dazwischen, einiges mehr als zwischen Calais und Dover. Wilhelm unternahm das Wagnis trotzdem und wurde belohnt: Am 28. September 1066 landete seine Flotte in der Bucht von Pevensey. In der Schlacht von Hastings wurde sein Konkurrent um den englischen Thron, König Harald, getötet, er selbst an Weihnachten in Westminster zum König von England gekrönt.
Bis heute erinnern in Valery-sur-Somme alljährlich „Les Fêtes Guillaume“ (Mitte Juli) an die geschichtsträchtigen Ereignisse, die das Leben diesseits und jenseits des Kanals nachhaltig umkrempelten und prägten. Mittelaltermarkt, Wikinger- und Ritterlager, historische Umzüge, Konzerte und andere Veranstaltungen locken Teilnehmer und Besucher an. Und nicht nur hier, sondern in allen Küstenorten, an denen die Flotte Station machte. 2027 sind diese „Fêtes“ noch etwas größer und lebendiger und Teil überregionaler und sogar internationaler Feierlichkeiten, die an den Eroberer erinnern. Vor allem natürlich in der Normandie, wo Wilhelm, Herzog der Normandie, 1027 in Falaise zur Welt kam.
„MILLENIUM – Europäisches Jahr der Normannen“
Nun beschränkten sich die Normannen nicht auf die Normandie oder England, sondern waren von Skandinavien bis Sizilien aktiv. Und so wird 2027 anlässlich des 1.000. Geburtstags von Wilhelm dem Eroberer das „Europäische Jahr der Normannen“ mit zahllosen Festen, Ausstellungen und künstlerischen Projekten in sieben europäischen Ländern gefeiert. Einzelne Veranstaltungen finden bereits im Herbst und Winter 2026 statt, so richtig los geht es aber im Frühjahr 2027.
Auftakt in Caen mit Herzogin Mathilde

Den Auftakt zum Jubiläumsjahr in der Normandie gibt Caen, damals wie heute ein wichtiges politisches und kulturelles Zentrum. Die Stadt ist eng verbunden mit Wilhelm und seiner Frau Mathilde von Flandern. Sie ließen die damalige Siedlung, immerhin schon mit Markt und Hafen, zum bedeutenden herzoglichen Residenzort ausbauen. Die unter Wilhelm um 1060 errichtete Burg, die herzogliche Siedlung und zwei Abteien prägten die Stadtentwicklung. Vom 20. bis 27. Februar 2027 nun verwandelt sich die Abbaye aux Dames in einen Schauplatz aus Licht, Klang und Geschichte. Bei den „Portes du Millenium“ begleitet die Stimme Mathildes, Gründerin der Abtei, die Besucher auf einem Rundgang mit monumentalen Projektionen. Die etwa zwanzigminütige Inszenierung ist kostenlos und wird jeden Abend mehrfach angeboten.
Ebenfalls in der Abbaye aux Dames erzählt die Ausstellung „Les Normands au Moyen Âge, une aventure européenne (911–1204)“ vom 1. Dezember 2026 bis zum 31. Dezember 2027 anhand von Objekten, Karten und multimedialen Stationen vom mittelalterlichen Aufstieg der Normannen. In der von Wilhelm gegründeten Abbaye aux Hommes sind keine größeren Jubiläumsveranstaltungen geplant, trotzdem sollte man einen Besuch einplanen: In der sehenswerten Abteikirche St. Étienne befinden sich Grablege und Grabmal des Eroberers.
Dives-sur-Mer: Die „Médiévales de Guillaume” am Sammelort der Flotte

Zunächst war Dives-sur-Mer (Achtung Proust-Liebhaber: direkt angrenzend an Cabourg) 1066 der Sammelplatz für Wilhelms Flotte, bevor sie zum endgültigen Startplatz an der Somme-Mündung aufbrach. Daran erinnert die Stadt bis heute mit einem historischen Rundgang. Für 2027 sind außerdem die „Médiévales de Guillaume“ angekündigt. Einzelheiten und Termine zu diesem Mittelalter-Spektakel folgen noch. Auch in anderen Hafenstädten und an vielen geschichtsträchtigen Orten, darunter Falaise, Les Andelys oder Domfront, finden an den Wochenenden mittelalterliche Feste, Bankette und historische Veranstaltungen statt.
Seefahrt à la normande
Auch auf dem Wasser wird Geschichte sichtbar. Vom 11. bis 27. Juni ist ein Treffen historisch nachgebauter Wikingerschiffe geplant. Die Flotte fährt über mehrere Stationen nach Rouen, wo sie sich im Rahmen der „Armada de Rouen“ (17. bis 27. Juni) zum großen Finale zusammenfindet.

Außerdem ist im Sommer eine große Erinnerungsfahrt geplant: „La Traversée“. Dafür sticht die Dreknor, ein Nachbau des Wikingerschiffs von Gokstad, in See und folgt der Route, die Wilhelm 1066 mit seiner La Mora nahm. Hafenbesuche sind u. a. in Barfleur, Saint-Vaast-la-Hougue, Fécamp, Dieppe und Ouistreham angekündigt. Besucher können das Schiff am Kai kennenlernen und vieles über mittelalterliche Seefahrt erfahren. Die Besichtigungsangebote sind kostenlos, allerdings ist das ganze Unternehmen wetterabhängig. Wie der Zeitplan genau aussieht, muss kurzfristig überprüft werden.
Ein Eroberungszug aus Wolle und Leinen: Der Teppich von Bayeux
Das anschaulichste Zeugnis des Unternehmens ist allerdings weder eine Burg noch ein Schiff, sondern der (Wand-)Teppich von Bayeux. Wobei „Teppich“ technisch in die Irre führt: Der rund 68,6 m lange Bilderstreifen wurde mit farbigen Wollfäden auf Leinen gestickt. In 58 Szenen entfaltet sich die Erzählung von Wilhelms Feldzug mit Vorgeschichte und Nachspiel. Politische Absprachen, Seefahrt und Krieg finden ebenso Platz wie Szenen des Alltags, die Arbeit an den Schiffen oder das Verladen von Vorräten. In den Randstreifen begegnen dem Betrachter Tiere, Fabelmotive, sogar der Halleysche Komet erscheint am Himmel. So vermittelt die Stickerei neben der großen Geschichte auch Vorstellungen, Arbeitsweisen und Lebenswelten des 11. Jahrhunderts. Ein mittelalterlicher Comic sozusagen, entstanden vermutlich in den 1070er-Jahren in Südengland und einzigartiges Zeugnis mittelalterlicher Kunst.

Aktuell ist der Teppich im British Museum ausgestellt, wo er bis zum 11. Juli zu sehen ist. Anschließend ist die Rückkehr nach Frankreich vorgesehen. Das umfassend erneuerte Museum in Bayeux plant seine Wiedereröffnung für Oktober 2027.
Der Geburtsort: Falaise
Eine zeitgenössische Antwort auf die historische Stickerei führt wieder zurück in Wilhelms Geburtsort Falaise. Hélène Delprats hat eine monumentale Tapisserie „L’Ornement comme crime“ entworfen und sticken lassen, die Wilhelms Krönung zeigt. Eine Szene, die im erhaltenen Teppich von Bayeux fehlt. Nach ihrer Präsentation in Westminster soll sie in die Burg von Falaise kommen. Auch sonst natürlich gehört Falaise, das in jährlichen „Médiévals“ das Mittelalter und seinen Herzog aufleben lässt, zu den Zentren der Feierlichkeiten.

Die landschaftlich reizvollen und kulturell bedeutenden Regionen Hauts-de-France und Normandie sind immer eine Reise wert. 2027 verspricht, auf den Spuren Wilhelm des Eroberers und der Normannen, ganz besondere Reiseerlebnisse. Übrigens auch auf der anderen Seite des Kanals, denn auch in England wird vielerorts an den späteren englischen König erinnert.
Das genaue Programm und weitere Informationen sind zu finden unter:
- https://de.normandie-tourisme.fr/event/millenium-2027-tausendjaehriges-jubilaeum-wilhelm-eroberer/
- https://www.millenium.fr/en
Dorothea Kirschbaum
