Kraftstoffpreise an einer deutschen Tankstelle (Quelle: Adobe Stock)
Seit dem 26. März 2026 darf die Tankstelle den Dieselpreis nur noch einmal am Tag nach oben anpassen, pünktlich um zwölf Uhr. Der Bundestag nennt das Transparenz. Österreich nennt es Alltag, und zwar seit fünfzehn Jahren. Ungarn nennt es leere Zapfsäule. Wer einen Reisebus betreibt, sollte sich ausrechnen, welche dieser drei Antworten am Ende zu seinem Flottenpreis passt.
Wer in diesen Wochen seinen Fuhrpark tankt, schaut nicht nur auf die Anzeige an der Zapfsäule. Er schaut auch auf die Uhr. Seit dem 26. März 2026 gilt in Deutschland das Kraftstoffpreisanpassungsgesetz. Tankstellen dürfen ihre Preise für Benzin und Diesel nur noch einmal täglich erhöhen, und zwar um zwölf Uhr mittags. Senken dürfen sie jederzeit. Verstöße ahndet der Staat mit bis zu 100.000 € Bußgeld. Dazu kommt eine Beweislastumkehr im Kartellrecht: Steigen die Großhandelspreise nicht, muss der Anbieter künftig erklären, warum die Zapfsäule trotzdem teurer wird.
Die Bundesregierung verkauft das als Durchbruch für den Verbraucher. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche begründete das Paket am 17. März 2026 mit der Eskalation im Nahen Osten und Angriffen auf Energieinfrastruktur. Im Bundestag stimmten Union, SPD und Grüne gemeinsam dafür, dagegen waren AfD und Linke. Eine bemerkenswerte Mehrheit für einen Eingriff in die Preisbildung, der als ordnungspolitisch verkauft wird, aber keiner ist.
Das österreichische Missverständnis
Das deutsche Gesetz kopiert das österreichische Modell aus dem Jahr 2011. Dort darf die Tankstelle seit fünfzehn Jahren nur einmal täglich erhöhen, zwischen dem 16. März und 12. April 2026 kurzzeitig sogar nur montags, mittwochs und freitags. Das klingt nach fortschrittlichem Verbraucherschutz. Die Empirie klingt anders. Justus Haucap, Wettbewerbsökonom und früherer Chef der Monopolkommission, hat die Wirkung in der WirtschaftsWoche auf den Punkt gebracht. „Das österreichische Modell besteht aus zwei Komponenten, und genau dieses Einmal-am-Tag-hoch-Prinzip hat in Studien keineswegs eindeutig preissenkend gewirkt.“ Steuerbereinigt zeigen die österreichischen Daten keine klare Tendenz zu niedrigeren Durchschnittspreisen.
Warum ist das so? Weil Preisbewegung und Preisniveau zwei verschiedene Dinge sind. Wenn eine Tankstelle statt fünfmal am Tag nur einmal um zwölf Uhr erhöhen darf, dann wird diese eine Erhöhung einfach größer ausfallen als jede einzelne vorher. Haucap formuliert es gnadenlos: Die Rakete startet eben nur noch einmal täglich um zwölf Uhr, statt achtmal am Tag. Das Grundphänomen tendenziell hoher Preise bleibt. Die Volatilität verschwindet nicht, sie verdichtet sich.
Das ungarische Lehrstück
Eine Schippe drauf legt Ungarn. Im November 2021 wurde dort nicht der Preisrhythmus, sondern die Höhe selbst reguliert, bei 480 Forint pro Liter. Tankstellen kauften Kraftstoff teurer ein, als sie ihn verkaufen durften. Der Staatskonzern MOL rationierte die Abgabe im Frühjahr 2022 auf 100 Liter pro Tankung, 500 Liter an Großtankstellen, im Juni 2022 verschärft auf 50 Liter pro Tag. Kleine Betreiber schlossen reihenweise. Vor den Zapfsäulen bildeten sich Schlangen. Im Dezember 2022 hob Budapest den Deckel auf, weil die Versorgung zusammenbrach.
Die 12-Uhr-Regel ist kein Preisdeckel. Aber sie steht in derselben gedanklichen Reihe: Der Staat greift in den Preisbildungsmechanismus ein, statt seine Ursachen an den vorgelagerten Marktstufen zu bearbeiten. Walter Eucken hat für genau diesen Gedankenfehler vor achtzig Jahren die klarste Formel geliefert. Staatliche Planung der Formen ja, staatliche Planung und Lenkung des Wirtschaftsprozesses nein. Wer den Preismechanismus blockiert, blockiert das Signal, das dem Markt sagt, wo mehr investiert werden muss. In dem Moment, wo die Information ausgeschaltet ist, beginnen Knappheit und Fehlallokation.
Was wirklich wirkt
Der eigentlich erfolgreiche Teil der deutschen Preispolitik ist über ein Jahrzehnt alt und heißt Markttransparenzstelle für Kraftstoffe. Seit Dezember 2013 meldet jede Tankstelle dem Bundeskartellamt jede Preisänderung in Echtzeit. Apps wie Clever Tanken oder ADAC Spritpreise machen daraus öffentliche Information. Das Bundeskartellamt zieht in seinen Jahresbilanzen konstant positive Effekte auf Transparenz und moderatere Aufschläge. Haucap bringt es auf den Punkt: Die clevere Idee steckt in den Apps, nicht in den Preisregeln.
Und wo das Problem wirklich liegt, zeigt die Sektoruntersuchung Raffinerien und Kraftstoffgroßhandel, die das Bundeskartellamt am 19. Februar 2025 abgeschlossen hat. Die Engpässe liegen in der Raffinerie, im Großhandel, in der Marktkonzentration vor der Zapfsäule. Wer dort wirksam ansetzt, schafft Wettbewerb. Wer an der Zapfsäule den Sekundenzeiger vorschreibt, schafft Papierlärm.
Was der Reisebus jetzt konkret zahlt
Für Busunternehmer ist das mehr als akademische Debatte. Kraftstoff bildet je nach Fahrzeugeinsatz zwischen 20 und 30 % der Betriebskosten. Die meisten Reisebusflotten tanken über Flottenkarten der großen Marken, also dort, wo die Zwölf-Uhr-Regel am strengsten wirkt. Was früher die Kür war, nämlich nachmittags zur freien Tankstelle zu wechseln, wenn die Markenpreise nach unten nachzogen, wird enger. Die 20 % freier Tankstellen in Deutschland leben von genau dieser Arbitrage. Steht der Markenpreis ab zwölf Uhr nach oben fest, verlieren sie Differenzierungshebel.
Die Größenordnung ist nicht dramatisch pro Bus, aber sie summiert sich. Ein Reisebus mit 30 Litern auf 100 km und 80.000 Jahreskilometern verbrennt rund 24.000 Liter Diesel. Bringt die Bündelung zu einer großen Mittagsanhebung nur fünf Cent zusätzlich pro Liter, sind das 1.200 € pro Fahrzeug und Jahr. Eine Flotte von zwanzig Reisebussen verliert 24.000 €.
Versorgungsdruck statt Preisregie
Der eigentliche Befund dieses Gesetzes ist ein anderer. Wer im Frühjahr 2026 an der deutschen Zapfsäule steht, zahlt rund 40 % mehr Diesel-Nettopreis als vor Kriegsbeginn. Das Thema ist europäisch, nicht tankstellenspezifisch. Raffineriekapazitäten, Reserven, Importabhängigkeit und Transitwege sind die Hebel, an denen sich entscheidet, ob Diesel morgen zwei Euro oder eins siebzig kostet.
Die Zwölf-Uhr-Regel ist Symbolpolitik. Für den Busunternehmer bedeutet sie keinen Cent weniger, aber einen weniger flexiblen Tankmarkt. Wer an die Zapfsäule greift, um ein Versorgungsproblem zu lösen, hat nicht den Markt reguliert. Er hat sich an ihm vorbeibewegt.
